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1-GEIST-DÄMMERUNG Du bist meine Schöpfung, meine Kreatur, durch meinen Geist erdacht, durch meine Hand geformt: Dein Fleisch, dein Blut, dein Trieb zu überleben. Meine Nahrung ist das Erdachte. Mein Bedürfnis schuf jede einzelne Faser deiner Existenz, dein Wesen, dein Bewusstsein. Doch was zunächst als ein paradoxes Gedankenspiel begann, nahm schon bald eine eigenständige Entwicklung. Ganz so, als wärst du nicht länger nur in einem Winkel meiner Phantasie existent. Und als wäre dies nicht schon genug, fingst du an, dir darüber klar zu werden, dass du imaginär sein könntest. So waren wir es und werden es wohl immer sein: Zwei in Einem. 2-VORAHNUNG (Sieh dich vor!) Etwas ist nicht wie sonst. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, was es sein könnte, doch es will mir nicht gelingen. Wie erstarrt stehe ich auf der Waldlichtung und spüre eine seltsame Anspannung in mir... Kein Laut, kein unnützer Gedanke streifen durch die Nacht. Und dennoch: Der Wald schläft nicht. Er lebt, er atmet und er denkt. Es ist anders als die Wahrnehmungen, die von Geräuschen, Gerüchen, Bildern oder Berührungen herrühren. Es ist eine Empfindung, die mir ein übergeordnetes, weniger greifbares Sinnesorgan übermittelt. Meine Umwelt breitet sich in ihren zeitlichen und räumlichen Dimensionen wie eine feinstoffliche Matrix, wie ein Netz um mich herum aus. Und ich bin das Zentrum dieses Netzes, jede noch so feine Erschütterung darin wahrnehmend: Der Wald lebt! Etwas reißt mich in der Zeit zurück. Ich blicke auf den Moment meiner ersten bewussten Wahrnehmungen. 3-ERWACHEN IN DER KÄLTE Am Anfang war das absolute Nichts. Dunkelheit. Vielleicht nicht ganz: Ein kleines, unscheinbares Licht, wie die weit entfernte Öffnung eines Tunnels, in dem ich mich aufzuhalten schien. Vielleicht ein Gedanke. Klein, aber nicht derart bleibend, eher wachsend oder langsam näher kommend... Und dann - mit einem furchtbaren Schlag aus Licht und Kälte - war ich! Und mich fror, und ich fühlte mich so schwach, dass mich bald darauf der Schlaf mit seinen sanften, dunklen Schwingen umschloss. Und alles schien darauf für Tage, Monate oder gar Jahre zu schlafen. Als wäre das ganze Universum ein einziger großer Irrtum und müsste neu erdacht werden... Doch wenn ich auch schlief, so träumte ich nicht. Vielmehr war es so, als läge ich mit offenen Augen. Und eher unbewusst nahm ich damals dieses Funkeln, das mich unaufhörlich umschwirrte, wahr und eine seltsame Energie, die langsam in mir aufstieg... Einsam wirst du sein in der Nacht! (In der Nacht!) Denn wie ein Gott wirst du leiden in der Nacht! Ja! 4-WELTWINTERNACHT Gib mir einen Schlaf, für den es sich lohnt, sich niederzulegen, die Augen zu schließen, einen Traum geformt aus einem Klumpen Lehm. (Herausgetaut aus dieser eisigen Welt) Leben wir nicht unter dem Himmelszelt der sternenklaren Weltwinternacht, die wie ein schwarzes Tuch auf uns herabschwebt? (Und unsere Gedanken unter sich begräbt) Wir wollten doch nur träumen. Warum lasst ihr uns nicht träumen? Weltwinternacht, Weltwinternacht Gib mir einen Traum, für den es sich lohnt, die Flügel zu spannen und der Kälte zu entfliehen, welche wie der Mond die Nacht unsere Wunden still küsst. (Und die von uns zerschundene Erde) Die Flügel zu strecken als ginge man nach Haus, den letzten Weg durch hundert Jahre Einsamkeit. Wie ein sterbender Engel im ewigen Eis. (Dessen letzter Schrei die Kälte zerreißt) 5-TREIBJAGD (Sie kommen dich zu finden!) Die Erkenntnis packt mich! Panisch jage ich durch das dichte Unterholz des dunklen Waldes. Keine Zeit, nach links oder rechts zu sehen, keine Zeit, mich umzudrehen oder auf den Weg zu achten. Zweige und Blätter peitschen mir ins Gesicht. Immer wieder bleibt mein Fell hängen. Die herausgerissenen Haarbüschel und umgeknickten Zweige werden meinen Verfolgern Aufschluss über meinen Fluchtweg geben. Doch für mehr Vorsicht ist jetzt keine Zeit! Weiter durch den Wald... Immer weiter durch den Wald! Der Fluss der Zeit scheint immer träger zu werden, während ich von meinem eigenen Empfinden her stark verlangsamt - wie in Zeitlupe - weiter durch die Büsche hetze. Der Zeitstrom scheint jetzt gänzlich stillzustehen. Ein weiteres Mal werden Bilder aus beinahe vergessenen Tagen aus meinem Unterbewusstsein emporgespült. (Treib hinfort... !) Ich erinnere mich... 6-FRAß ODER FRESSER Mein Fell stellte sich auf, als ich das erste Mal aus dem Dunkel der Nacht hervortrat. Es war wie die Erlösung von einer langen Zeit in einer tauben Haut. Umrissen von Gerüchen, Geräuschen undunzähligen weiteren Wahrnehmungen, gewann die Nacht um mich herum schnell an Bedeutung. Meine Haut prickelte vor Wonne unter dem dichten, schwarzen Fell. Mir war danach zumute einen langen, durchdringenden Schrei zu entfesseln, der Welt zu bekunden, dass ich nun war, um die mir eigenen Kräfte und Fähigkeiten an ihr zu erproben. Schon bald hing ein Geruch in der Luft wie ein tödliches Gas, das mir die Sinne vernebelte und meine Fähigkeit zum Urteilen erheblich einschränkte. (Komm!) Ich spannte meinen Gehörsinn bis zum Äußersten, während ich meinen Raumsinn durch den Wald schickte. (Worauf wartest du?) Einem Gefühl, das ich nicht in Frage stellte, folgend, drang ich tiefer in den Wald vor - immer tiefer... Dann halt! Auf einer Lichtung stand ein Geschöpf. Es schien etwas zu ahnen. Die großen dunklen Augen streiften ängstlich über die Büsche. Seine erregenden Ausdünstungen schienen den ganzen Wald zu erfüllen und wollten mir schier die Sinne rauben. Mich gelüstete nach der atmenden, fleischigen Gestalt, die angestrengt horchte. Ich pirschte mich weiter an sie heran. Immer näher... Sauber packte ich das Geschöpf, riss es aus dem Mittelpunkt seines Netzes aus Schwingungen, die mein Raumsinn wahrnahm, und schlug meine Krallen tief in das feste Fleisch eines erstaunlich lebendigen Körpers. Ein rascher Biss hinter den Kopf, und die Ruhe kehrte in den von schrillen Schreien aufgewühlten Wald zurück. In heißen Stößen schoss das Blut aus dem Körper und trug bald den letzten Atemzug mit sich fort. Die Augen vertrübten sich. Die Natur ist gnädig und das Entsetzen hat eine unbeschreibliche Schönheit! (Alles Leben ist Raub. Fraß oder Fresser wirst du sein!) 7-DARWIN Ihr sagt wir können in Frieden leben. Ein jeder von uns in seiner Welt. Ihr im lauten Rausche Eurer Fortschrittlichkeit. Wir zurückgezogen und in Stille, am Ursprung unserer Zeit. Und keiner würde dem anderen es nehmen. (Und keiner würde dem anderen es nehmen...) Geht unsere Liebe zu ihnen so weit, dass wir sie in uns derart hineinfressen müssen? Ist unsere Angst um sie so groß, dass wir sie in Käfigen aufbewahren müssen? Sollen sie an unserer Welt teilhaben, indem wir sie in Versuchen für uns verenden lassen? Brauchen wir denn ihre Nähe so sehr, dass wir sie auf unsere Haut schmieren müssen? Unsere Liebe muss gewaltig sein! (Sie leiden für dich und mich!) Gewalt - das muss Liebe sein! Unsere Welt muss sterben, damit die eure lebt. Damit sie für uns alle schließlich zugrunde geht! Füchse jagen, Hunde schlagen, Robben töten, Pelze tragen. Klone züchten, Schweine mästen, Ratten quälen, Gifte testen. Tiertransporte, Wale fangen, Hormone spritzen, Preise erlangen. Schwänze stutzen, Ohren kupieren, aus der Heimat entführen, hier präsentieren. Enten schießen, Rodeo reiten, Hennen einpferchen, Herden vertreiben. Hahnenkämpfe, Stiere abstechen, Hundekämpfe, Killer abrichten. Affen quälen, arme Seelen, Mutanten züchten, die Freiheit stehlen, MKS und BSE, Überzüchtung und HD. Elfenbein, echtes Leder, Sodomie und Kopfgeldjäger. Warum? 8-GLEICH DEM ENDE DER WELT (Sie kommen dich zu holen!) Immer noch verwirrt, lasse ich mich in eine Kuhle unter einem dichten Busch fallen und ringe nach Luft. Ich bin das Laufen über derart weite Strecken nicht gewohnt. In meinem Bauch hingegen breitet sich das Gefühl einer unwohlsamen Erkenntnis aus: Sie sind es! Immer sind es sie, die mir meine Grenzen aufzeigen und mich einengen. Immer nur sie. Nie zuvor hatten sie sich so weit in diesen unwegsamen Teil meines Waldes hervorgewagt. Nun kann ich ihre unappetitlichen, schalen Ausdünstungen überall wittern. Ein Geruch als würden sie allesamt von einem kränklichen Wurf stammen. Mein Fell sträubt sich vor Ekel! Der ganze Wald ist jetzt von einer Anspannung erfüllt. Alle können ihre Nähe spüren, gleich dem Ende der Welt. Sie können überall und nirgendwo sein, denn die Luft ist durchzogen von ihrem Gestank. Und der Wind gibt ihnen diesen Geruch und das grässliche Geschrei der Waldbewohner gibt ihnen einen Namen... (Menschen!) Ich spüre ihre Gedanken mittlerweile von allen Seiten an mich herankommen... Ich springe aus meiner Deckung und haste weiter durch das Geäst. Zu spät! Ihre Schreie gellen durch den Wald. Überall neben mir klirrt und pfeift es. Ich verspüre einige dumpfe Aufschläge an meinem Körper, Blut in meinem Fell. (Wolf! Hierüber!) Und wieder treibe ich durch die Zeit, mit all ihren Bildern aus längst vergangenen Tagen. (Treib hinfort... !) Ich erinnere mich... 9-ALPHAWOLF Der Winter war einmal sehr kalt und ich hatte mich einem Rudel Wölfe angeschlossen. Die Gemeinschaft erleichterte die Jagd größerer Tiere und sicherte somit unser aller Überleben. Doch keines der Rudeltiere hatte diesen klaren Geist, den ich suchte. Ich war größer in Körper und Geist. Stets präsentierten sie mir ein ganzes Repertoire an Gesten sozialer Untergebenheit. Ihre Gedanken waren simple Verknüpfungen, durch äußere Begebenheiten in Gang gesetzt. Ich ließ sie mein Fell lecken und reinigen. Ich spürte die Einfachheit ihrer Gedanken und ihren Drang, einen Platz in der Hierarchie zu finden, sich einzuordnen, gegebenenfalls sich unterzuordnen. Einsam wirst du sein in der Nacht! (In der Nacht!) Denn wie ein Gott wirst du leiden in der Nacht! Ja! Treibholz im Meer ihrer Triebe! Denn so erfreut sich das primitive Gemüt, wenn es seine Sozialordnung findet, wenn es dem Übergeordneten dienen und den Niederen missachten kann! Doch wenn wir über die Felder jagten, wenn wir über die Bäche sprangen, wenn wir nachts den Mond ansangen... Dann waren wir eins! Ja! Dann waren wir frei! Ja! (In der Nacht!) 10-SUBLUNARIS "Als gestern der Mond aufging, wähnte ich, dass er eine Sonne gebären wollte, so breit und trächtig lag er am Horizonte." (Denn) Immer wenn der Nebel schwindet und uns dein Licht freigibt, sich durch unsere Kehlen windet - dieses ur-uralte Lied. Und im Mondlicht, unsere Schatten sich bewegen. Und im Mondlicht, unsere Seelen erbeben. Wie aus fremden Kehlen, Schreie sich entfesseln. (Dem Mond entgegen) Und sollte es nie wieder Morgen werden und diese Welt aufhören sich zu drehen, und sollte so das Tageslicht sterben, wirst erhaben du am Himmel stehen. Und sollten sich die Götter schlafen legen und all unsere Träume mit sich nehmen, und sollte sich kein Leben mehr auf Erden regen, wirst erhaben du am Himmel stehen. 11-TELLEREISEN (Sie kommen dich ich an sie zu binden!) Ich blute, aber es hindert mich nicht daran, meinen Körper mit kräftigen Stößen weiter durch das Geäst zu treiben. Ihre Stimmen scheinen langsam im Dunkel zurückzufallen... (Er entkommt!) Bin ich auch außer Atem, so scheine ich jetzt mein Tempo gefunden zu haben. Weiter! Immer weiter! Doch mein Raumsinn warnt mich... Etwas stimmt nicht! (Nicht den Weg!) Ah! Ein heftiger Schmerz schießt in meinen linken Vorderlauf. Ich stürze. Der Schmerz führt meine Sinne zu den scharfen Kanten der gesplitterten Knochen in meinem Bein. Ich hänge zwischen zwei mächtigen Metallkrallen, die mein Bein unnachgiebig umschließen, fest! Panik! Wie von Sinnen versuche ich mich durch hastiges Zerren aus der Falle zu befreien - vergebens. Vergebens! Ich bin hilflos. Hilflos wie einst, in den ersten Stunden meines Erwachens aus einem traumlosen Schlaf... Aber ich war nicht allein. (Treib hinfort... !) Ich erinnere mich... 12-SPOTTGESANG EINER ELFE "Kleine lästige Biester", dachte ich. Umschwirrten mich, um ihre eitrigen Stacheln in meinem Fleisch zu versenken und einen Teil meiner Lebenskraft zu der ihren zu machen. Blut, Fleisch - war ich Fleisch und Blut? Etwas schoss mir durch den Kopf: Als meine Augen einmal grell geblendet wurden, war es wirklich ein Blitz? Und war das Grollen in meinen Ohren wirklich der dem Blitz folgende Donner? Oder war ich nur meine eigene Einbildung, erschaffen durch mein eigenes Bedürfnis - oder gar durch das eines anderen? Was war ich? Und was war zuerst? Der Gedanke an mich oder mein Selbst? Und wenn nicht mein Selbst, wer hatte dann jenen Gedanken wie ein Feuer entfacht? Ich denke, also bin ich... vielleicht nur erdacht? Ich konnte es dennoch genießen, dem Donner zu lauschen und den Regen auf meinem Fell zu spüren. Ich konnte das immer genießen. Doch es waren keine Mücken an jenem Tag. Nie werde ich diese feinen, zerbrechlichen Gestalten vergessen, die mich neugierig anstarrten, dabei miteinander tuschelten. (Kann er uns sehen? Er hat das Auge dafür. Aber er hat nie geträumt! Er muss schlafen. Er muss träumen. Schlafe! Träume! Erkenne, was uns bindet, in deinen Träumen! Oder glaubst du etwa, dass dies schon alles war?) 13-WO DIE WIRKLICHKEIT SCHWEIGT... Wozu brauche ich Ohren, kann ich doch ohne sie eure Stimmen hören. Wozu brauche ich einen Mund, kann ich doch ohne ihn zu euch sprechen. Wozu brauche ich Augen, kann ich doch ohne sie in die euren sehen. Wozu brauche ich Hände, kann ich doch ohne sie die euren nehmen. Wo die Wirklichkeit schweigt... Wozu brauchen wir Ohren, kannst du doch ohne sie uns zu dir rufen. Wozu brauchen wir Stimmen, kannst du doch ohne sie unsere Worte hören. Wozu brauchen wir Lippen, kannst Du doch ohne sie unsere Küsse spüren. Wozu brauchen wir Hände, können wir ohne sie dich aus der Welt entführen. An einem Ort, wo die Wirklichkeit schweigt und wie ein Eindringling wirkt, kannst du uns sehen, kannst du uns hören, kannst zu uns sprechen, kannst du uns spüren. Komm zu diesem Ort und wir nehmen dich mit uns fort. Denn wir lieben dich! Denn wir brauchen dich! Wo die Wirklichkeit schweigt... 14-FÜR DIE EWIGKEIT EINES LIDSCHLAGS (Doch du bist nicht wie sie!) Der Schmerz lässt jetzt etwas nach und mein Bein wird langsam taub. Etwas nähert sich mir. Schritte... (Da drüben ist er! Ich hab ihn! - Mein Gott, was bist du?) So nah waren wir uns noch nie. Das Gewehr im Anschlag, und deine Augen spiegeln das blanke Entsetzen wieder, das dir mein Anblick bereitet. Doch auch du bist kein schöner Anblick für mich. "Ich bin der Sturm in den Bäumen und von den Feldern der Krähe ferner Schrei. Doch dieser Sturm ist nichts im Vergleich zu der Unruhe in deinem Geiste, Mensch." Was sollte ich schon sein? Eine erdachte Kreatur, der es anerdacht wurde, zu denken und ein Bewusstsein zu entwickeln? Schließlich das Bewusstsein zu entwickeln, sich all dem nur bewusst zu sein, weil es ihm derart anerdacht wurde? Ein paradoxer Gedanke - erst recht in dieser Situation. Doch was ist das... ? Ich blicke in deine Augen und es sind die traurigsten, die ich je sah... (Ihr habt euch erkannt! In diesem Moment. Und für die Ewigkeit eines Lidschlags...) Sie flüsterten mir einst zu, ich solle schlafen, träumen, um in meinen Träumen etwas zu finden... Bist du gekommen, um mich in den Schlaf zu schicken? Und werde ich träumen? Weitere Schritte nähern sich. Jetzt von allen Seiten. Ein unbeschreibliches Gefühl überkommt mich. Wie eine Müdigkeit, die mich in einen Abgrund hinunterzureißen versucht... Oder in einen Traum. (Treib zurück... !) Ich fange an zu träumen! Ich träume... 15-GALERIE DER TRÄUME Es ist Tag. Nahezu lautlos streife ich durch das Geäst und atme die Gerüche all der anderen Waldgeschöpfe tief in mich ein. Mein Blick versucht, irgendeinen Anhaltspunkt von erkennbarer Struktur in den Lichtsäulen, die durch das Laubdach des Waldes fallen, festzustellen. Als wäre ich leicht... Als wäre ich ein schwarzer Schmetterling, dessen Flügel in der Hitze fremder Gedanken zu verbrennen drohten. Gedanken, die ebenso in mein Leben einfielen wie die Lichtsäulen in diesen Wald... Wie aus dem Nichts stehe ich plötzlich direkt vor einem mir fremden und dennoch sehr vertrauten Wesen, das mir starr mitten in die Augen blickt! Angst ergreift mich. Aus einem Reflex heraus packe ich die Kreatur an der Kehle. Trotzdem kann sie ein ungewohntes Geräusch in die Umgebung abgeben. Meine Zähne graben sich tiefer, treffen knirschend auf splitternde Knochen, während ich meine Krallen in das Bein meines Opfers schlage um es still zu halten. Die letzten Schreie sind ungewöhnlich schrill. Die Ruhe kehrt zurück - und mit ihr plötzliche Dunkelheit. Ich spüre, wie das warme Blut, das sich aus der Wunde ergießt, mir die Kehle hinunterrinnt. Der Körper liegt in unbestimmt zuckenden Bewegungen, während weiteres Blut aus den Wunden tritt, aufsteigt und sich in schlierigen Wolken um uns herum verteilt. Es vermischt sich mit meinen Gedanken... (So entstehen Welten) Die Schlieren fangen an, sich zu drehen - immer schneller und schneller. Sie verdichten sich zu einer Kugel, die in einem explosionsartigen Licht aufgehen und gleißend hell strahlen will. Einige Tropfen lösen sich dabei aus dem Ball heraus und umkreisen ihn nun wie eine Sonne! Erst jetzt kann ich das Geschöpf unter mir erkennen: Die Kreatur, die ich überwand, ist mein Abbild! Alles verschwimmt. Eine Art Nebel zieht auf... 16-NEBELLAND Nebelland, Nebelland Täler und Flüsse im Totengewand. Weiße Schleier reichen sich die Hand. Ins Moor, gen Westen sie ziehen. Du kannst mir vertrauen. Komm, gib mir Deine Hand! Ich werde dich führen im Nebelland. Denn wie ein Regenbogen, der sich über den Himmel spannt, so taucht die Hoffnung auf im Nebelland. Nebelland, Nebelland Körper wie Steine im bleichen Sand. Wellen wie Blut am Felsenstrand. Ins Meer, gen Westen sie ziehen. 17-GELIEBT (Noch bist du wie wir!) Ein wuchtiger Schlag trifft mich. Heiße Finger reißen mir den Leib auf und zerschlagen mir mit einem Ruck das Fleisch über meinen Rippen. Etwas schlägt in meinen Kopf ein, dringt durch den festen Knochen in mein Gehirn und schraubt sich durch meine Gedanken... Alles dreht sich und dreht sich. Unterschiede wie links-rechts, oben-unten vermag ich nicht mehr zu treffen. Mein Kopf schlägt auf. Ich spüre, wie mir das Leben wegschwimmt, während mein Herz versucht, den Blutverlust durch hektisches Schlagen auszugleichen. Die einzelnen Schläge sind nicht mehr voneinander zu trennen, alles in mir vibriert. (Fühl, was euch verbindet!) Du denkst an mich. Ich kann deine Gedanken geradezu riechen. Sie dringen in mich ein, ertasten jede einzelne Faser meiner Existenz. Ertasten jeden meiner Gedanken und vermischen sich mit ihnen. Meine Gedanken sind die deinen. Deine Erinnerungen sind die meinen. (Treib hinfort... !) Ich erinnere mich... 18-ZWEITES ERWACHEN Ich konnte deine Aufmerksamkeit mir gegenüber immer spüren, wenn vielleicht auch nicht bewusst. Ich war dein Plan, deine Nahrung, dein Zeitvertreib. Du hattest mich nach einem Bild geschaffen, das dem deinen in vielen Zügen ähnlich sein dürfte, und du wolltest mir nur scheinbar eine gewisse Freiheit zum Handeln und Denken überlassen. Warum bin ich hier? Ich habe nie darum gebeten! Schuldig! Du hast mir mit meiner Erschaffung und deinem Egoismus grausames Leid zugefügt. Dies ist deine Grausamkeit. Und diese Erkenntnis ist mein zweites Erwachen. Warum bin ich hier? Ich habe nie darum gebeten! Schuldig! Ich spüre dich... Doch wollte ich dich aus mir entfernen, was würde zurückbleiben? Was würde bleiben? Ich bin nichts. Wärst nicht du, so wäre auch nicht ich. Und es scheint dir zu gefallen, wie ich meine Umwelt - deine Welt - ergründe und damit auch dich. Doch wisse, ich bin nicht dein Sklave, denn ich selbst lenke mein Geschick! Eher sind wir und werden es immer sein: Zwei in einem... Zwei in einem - ja, das ist es! Unschuldig! 19-GOLEM Was tun, brennt dir deine Haut? Was tun, brennt dir deine Haut? Was tun, wenn dir deine Haut brennt? Reiß sie dir vom Leib! Reiß sie dir vom Leib! Faser um Faser! Bevor sie dir die Seele nehmen. Faser um Faser! Faser um Faser... Was tun, sind sie in dir drin? Was tun, sind sie in dir drin? Was tun, wenn sie in deinem Kopf sind? Reiß sie dir aus dem Leib! Reiß sie dir aus dem Leib! 20-ENTLEIBUNG (Und dennoch hast du, was uns alle verbindet, in dir!) Ich kann das verletzte Gewebe und die blutig auseinander klaffenden Wunden überall an meinem Körper nicht mehr spüren. Etwas tropft aus meinem Mund - Speichel... Nein, kein Speichel - es ist Blut. Der Himmel verliert seine Farbe. Auch die Bäume und das Blut auf dem Waldboden neben mir scheinen langsam zu verblassen. (Lass diese faulende Hülle zurück! War sie nicht stets der Stein im Weg?) Meine Augen verdunkeln sich. In meinen Ohren ein ständiges Dröhnen und Pumpen, mein Raumsinn - taub. Ich bin machtlos, beobachte meine letzten Gedanken, die wie Wasserspritzer auf einem heißen Stein zischend verdampfen. Das letzte Zischen wird verstummen - kein Ringen um einen weiteren Gedanken. Nur noch dieser: (Treib hinfort... !) Ich erinnere mich ... 21-AUFLÖSUNG UND ERLÖSUNG Ich spürte nichts mehr. Mein Geist war frei. Frei von seiner materiellen Last, von Zeit, Raum. Ich glaube, dass sich meine Seele nicht lange gewunden hatte, um jenen Körper zu verlassen. Alles schien auseinander zu brechen, als lebte es nur noch in den Gedanken eines schwindenden Geistes. Vielleicht deines aus meiner Existenz schwindenden Geistes. Es war wunderschön! (Du stirbst) Ja. (Es ist nicht das erste Mal) (Doch du bist nicht allein. Wir sind bei dir) Ich weiß. Ihr ward es von Anfang an. (Seit dem ersten Moment deiner Existenz) Ihr ward das Funkeln! So viele Bilder zogen an mir vorüber. Bilder, Erinnerungen, Gefühle. Es waren so viele Bilder. Das allererste Bild? War ein blutverschmierter Körper, den ich unter mir auf dem Waldboden liegen sehen konnte... 22-SOLAR PLEXUS Wenn ich doch nur wüsste (was ich nicht weiß), warum ich hierher kam (und wohin es mich treibt). Vielleicht um zu schlafen (tief und fest), um für dich zu träumen (wenn du mich lässt). Inmitten all dieser Sonnen... 23-DER GEDANKE EINES ANDEREN All unsere fiktiven Welten existieren wirklich - irgendwann und irgendwo. Sie leben auf, mit der Energie eines jeden Gedankens an sie, und sie sterben, wenn wir sie vergessen. Und sicherlich ist jeder Charakter, der in diesen Welten zu existieren scheint, ein kleiner Teil unseres Bewusstseins, unter Schmerz abgespalten und die brennende Sehnsucht in seiner Brust tragend, zum Ganzen zurückfinden zu wollen. Und manchmal glaubt er, sich in einem anderen wieder zu erkennen. Doch ist dann nicht vielleicht auch deine kleine Welt, die du in diesem Moment so unendlich facettenreich zu erleben glaubst, nur Teil eines Ganzen und vielleicht sogar - der Gedanke eines anderen? paroles ajoutées par Corwin - Modifier ces paroles
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