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| CD paru en2003 - Alice In ... |

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PROLOG
1. Geist-Dämmerung
SZENE 1 - PROKREATION UND GEBURT
2. Vorahnung
3. Erwachen in der Kälte
4. Weltwinternacht
SZENE 2 - DAS VERMÄCHTNIS
5. Treibjagd
6. Fraß Oder Fresser
7. Darwin
SZENE 3 - DIE WÖLDE
8. Gleich Dem Ende Der Welt
9. Alphawolf
10. Sublunaris
SZENE 4 - DIE ELFEN
11. Tellereisen 1:54
12. Spottgesang Einer Elfe 2:45
13. Wo Die Wirklichkeit Schweigt 6:08
SZENE 5 - DER SCHLÄFER
14. Für Die Ewigkeit Eines Lidschlags
15. Galerie Der Träume
16. Nebelland
SZENE 6 - DAS GOTT-KALKÜL
17. Geliebt
18. Zweites Erwachen
19. Golem
SZENE 7 - REMINISZENZ UND TOD
20. Entleibung
21. Auflösung Und Erlösung
22. Solar Plexus
EPILOG
23. Der Gedanke Eines Anderen |
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1-GEIST-DÄMMERUNG
Du bist meine Schöpfung, meine Kreatur,
durch meinen Geist erdacht,
durch meine Hand geformt:
Dein Fleisch, dein Blut, dein Trieb zu überleben.
Meine Nahrung ist das Erdachte.
Mein Bedürfnis schuf jede einzelne Faser deiner Existenz,
dein Wesen, dein Bewusstsein.
Doch was zunächst als ein paradoxes Gedankenspiel begann,
nahm schon bald eine eigenständige Entwicklung.
Ganz so, als wärst du nicht länger nur
in einem Winkel meiner Phantasie existent.
Und als wäre dies nicht schon genug,
fingst du an, dir darüber klar zu werden,
dass du imaginär sein könntest.
So waren wir es und werden es wohl immer sein:
Zwei in Einem.
2-VORAHNUNG
(Sieh dich vor!)
Etwas ist nicht wie sonst.
Ich versuche mich darauf zu konzentrieren,
was es sein könnte, doch es will mir nicht gelingen.
Wie erstarrt stehe ich auf der Waldlichtung
und spüre eine seltsame Anspannung in mir...
Kein Laut, kein unnützer Gedanke streifen durch die Nacht.
Und dennoch: Der Wald schläft nicht.
Er lebt, er atmet und er denkt.
Es ist anders als die Wahrnehmungen, die von Geräuschen,
Gerüchen, Bildern oder Berührungen herrühren.
Es ist eine Empfindung, die mir ein übergeordnetes,
weniger greifbares Sinnesorgan übermittelt.
Meine Umwelt breitet sich in ihren zeitlichen
und räumlichen Dimensionen wie eine feinstoffliche Matrix,
wie ein Netz um mich herum aus.
Und ich bin das Zentrum dieses Netzes,
jede noch so feine Erschütterung darin wahrnehmend:
Der Wald lebt!
Etwas reißt mich in der Zeit zurück.
Ich blicke auf den Moment meiner ersten bewussten Wahrnehmungen.
3-ERWACHEN IN DER KÄLTE
Am Anfang war das absolute Nichts. Dunkelheit.
Vielleicht nicht ganz: Ein kleines, unscheinbares Licht,
wie die weit entfernte Öffnung eines Tunnels,
in dem ich mich aufzuhalten schien.
Vielleicht ein Gedanke.
Klein, aber nicht derart bleibend,
eher wachsend oder langsam näher kommend...
Und dann - mit einem furchtbaren Schlag
aus Licht und Kälte - war ich!
Und mich fror, und ich fühlte mich so schwach,
dass mich bald darauf der Schlaf mit seinen sanften,
dunklen Schwingen umschloss.
Und alles schien darauf für Tage, Monate
oder gar Jahre zu schlafen.
Als wäre das ganze Universum ein einziger großer Irrtum
und müsste neu erdacht werden...
Doch wenn ich auch schlief, so träumte ich nicht.
Vielmehr war es so, als läge ich mit offenen Augen.
Und eher unbewusst nahm ich damals dieses Funkeln,
das mich unaufhörlich umschwirrte, wahr
und eine seltsame Energie, die langsam in mir aufstieg...
Einsam wirst du sein in der Nacht! (In der Nacht!)
Denn wie ein Gott wirst du leiden in der Nacht! Ja!
4-WELTWINTERNACHT
Gib mir einen Schlaf, für den es sich lohnt,
sich niederzulegen, die Augen zu schließen,
einen Traum geformt aus einem Klumpen Lehm.
(Herausgetaut aus dieser eisigen Welt)
Leben wir nicht unter dem Himmelszelt
der sternenklaren Weltwinternacht,
die wie ein schwarzes Tuch auf uns herabschwebt?
(Und unsere Gedanken unter sich begräbt)
Wir wollten doch nur träumen.
Warum lasst ihr uns nicht träumen?
Weltwinternacht, Weltwinternacht
Gib mir einen Traum, für den es sich lohnt,
die Flügel zu spannen und der Kälte zu entfliehen,
welche wie der Mond die Nacht unsere Wunden still küsst.
(Und die von uns zerschundene Erde)
Die Flügel zu strecken als ginge man nach Haus,
den letzten Weg durch hundert Jahre Einsamkeit.
Wie ein sterbender Engel im ewigen Eis.
(Dessen letzter Schrei die Kälte zerreißt)
5-TREIBJAGD
(Sie kommen dich zu finden!)
Die Erkenntnis packt mich!
Panisch jage ich durch das dichte Unterholz des dunklen Waldes.
Keine Zeit, nach links oder rechts zu sehen, keine Zeit,
mich umzudrehen oder auf den Weg zu achten.
Zweige und Blätter peitschen mir ins Gesicht.
Immer wieder bleibt mein Fell hängen.
Die herausgerissenen Haarbüschel und umgeknickten Zweige
werden meinen Verfolgern Aufschluss über meinen Fluchtweg geben.
Doch für mehr Vorsicht ist jetzt keine Zeit!
Weiter durch den Wald... Immer weiter durch den Wald!
Der Fluss der Zeit scheint immer träger zu werden,
während ich von meinem eigenen Empfinden her
stark verlangsamt - wie in Zeitlupe - weiter durch die Büsche hetze.
Der Zeitstrom scheint jetzt gänzlich stillzustehen.
Ein weiteres Mal werden Bilder aus beinahe vergessenen Tagen
aus meinem Unterbewusstsein emporgespült.
(Treib hinfort... !)
Ich erinnere mich...
6-FRAß ODER FRESSER
Mein Fell stellte sich auf, als ich das erste Mal
aus dem Dunkel der Nacht hervortrat.
Es war wie die Erlösung von einer langen Zeit
in einer tauben Haut.
Umrissen von Gerüchen, Geräuschen
undunzähligen weiteren Wahrnehmungen,
gewann die Nacht um mich herum
schnell an Bedeutung.
Meine Haut prickelte vor Wonne
unter dem dichten, schwarzen Fell.
Mir war danach zumute einen langen,
durchdringenden Schrei zu entfesseln,
der Welt zu bekunden, dass ich nun war,
um die mir eigenen Kräfte und Fähigkeiten
an ihr zu erproben.
Schon bald hing ein Geruch in der Luft
wie ein tödliches Gas,
das mir die Sinne vernebelte
und meine Fähigkeit zum Urteilen
erheblich einschränkte.
(Komm!)
Ich spannte meinen Gehörsinn bis zum Äußersten,
während ich meinen Raumsinn durch den Wald schickte.
(Worauf wartest du?)
Einem Gefühl, das ich nicht in Frage stellte, folgend,
drang ich tiefer in den Wald vor - immer tiefer...
Dann halt! Auf einer Lichtung stand ein Geschöpf.
Es schien etwas zu ahnen. Die großen dunklen Augen
streiften ängstlich über die Büsche.
Seine erregenden Ausdünstungen
schienen den ganzen Wald zu erfüllen
und wollten mir schier die Sinne rauben.
Mich gelüstete nach der atmenden,
fleischigen Gestalt, die angestrengt horchte.
Ich pirschte mich weiter an sie heran.
Immer näher...
Sauber packte ich das Geschöpf,
riss es aus dem Mittelpunkt seines Netzes
aus Schwingungen, die mein Raumsinn wahrnahm,
und schlug meine Krallen tief in das feste Fleisch
eines erstaunlich lebendigen Körpers.
Ein rascher Biss hinter den Kopf,
und die Ruhe kehrte in den von
schrillen Schreien aufgewühlten Wald zurück.
In heißen Stößen schoss das Blut aus dem Körper
und trug bald den letzten Atemzug mit sich fort.
Die Augen vertrübten sich.
Die Natur ist gnädig und das Entsetzen
hat eine unbeschreibliche Schönheit!
(Alles Leben ist Raub. Fraß oder Fresser wirst du sein!)
7-DARWIN
Ihr sagt wir können in Frieden leben.
Ein jeder von uns in seiner Welt.
Ihr im lauten Rausche Eurer Fortschrittlichkeit.
Wir zurückgezogen und in Stille,
am Ursprung unserer Zeit.
Und keiner würde dem anderen es nehmen.
(Und keiner würde dem anderen es nehmen...)
Geht unsere Liebe zu ihnen so weit,
dass wir sie in uns derart hineinfressen müssen?
Ist unsere Angst um sie so groß,
dass wir sie in Käfigen aufbewahren müssen?
Sollen sie an unserer Welt teilhaben,
indem wir sie in Versuchen für uns verenden lassen?
Brauchen wir denn ihre Nähe so sehr,
dass wir sie auf unsere Haut schmieren müssen?
Unsere Liebe muss gewaltig sein!
(Sie leiden für dich und mich!)
Gewalt - das muss Liebe sein!
Unsere Welt muss sterben, damit die eure lebt.
Damit sie für uns alle schließlich zugrunde geht!
Füchse jagen, Hunde schlagen, Robben töten, Pelze tragen.
Klone züchten, Schweine mästen, Ratten quälen, Gifte testen.
Tiertransporte, Wale fangen, Hormone spritzen, Preise erlangen.
Schwänze stutzen, Ohren kupieren, aus der Heimat entführen,
hier präsentieren.
Enten schießen, Rodeo reiten, Hennen einpferchen, Herden vertreiben.
Hahnenkämpfe, Stiere abstechen, Hundekämpfe, Killer abrichten.
Affen quälen, arme Seelen, Mutanten züchten, die Freiheit stehlen,
MKS und BSE, Überzüchtung und HD.
Elfenbein, echtes Leder, Sodomie und Kopfgeldjäger.
Warum?
8-GLEICH DEM ENDE DER WELT
(Sie kommen dich zu holen!)
Immer noch verwirrt, lasse ich mich in eine Kuhle
unter einem dichten Busch fallen und ringe nach Luft.
Ich bin das Laufen über derart weite Strecken nicht gewohnt.
In meinem Bauch hingegen breitet sich das Gefühl
einer unwohlsamen Erkenntnis aus:
Sie sind es! Immer sind es sie,
die mir meine Grenzen aufzeigen und mich einengen.
Immer nur sie.
Nie zuvor hatten sie sich so weit in diesen
unwegsamen Teil meines Waldes hervorgewagt.
Nun kann ich ihre unappetitlichen,
schalen Ausdünstungen überall wittern.
Ein Geruch als würden sie allesamt
von einem kränklichen Wurf stammen.
Mein Fell sträubt sich vor Ekel!
Der ganze Wald ist jetzt von einer Anspannung erfüllt.
Alle können ihre Nähe spüren, gleich dem Ende der Welt.
Sie können überall und nirgendwo sein,
denn die Luft ist durchzogen von ihrem Gestank.
Und der Wind gibt ihnen diesen Geruch
und das grässliche Geschrei der Waldbewohner
gibt ihnen einen Namen...
(Menschen!)
Ich spüre ihre Gedanken mittlerweile
von allen Seiten an mich herankommen...
Ich springe aus meiner Deckung
und haste weiter durch das Geäst.
Zu spät! Ihre Schreie gellen durch den Wald.
Überall neben mir klirrt und pfeift es.
Ich verspüre einige dumpfe Aufschläge
an meinem Körper, Blut in meinem Fell.
(Wolf! Hierüber!)
Und wieder treibe ich durch die Zeit,
mit all ihren Bildern aus längst vergangenen Tagen.
(Treib hinfort... !)
Ich erinnere mich...
9-ALPHAWOLF
Der Winter war einmal sehr kalt und
ich hatte mich einem Rudel Wölfe angeschlossen.
Die Gemeinschaft erleichterte die Jagd größerer Tiere
und sicherte somit unser aller Überleben.
Doch keines der Rudeltiere hatte diesen klaren Geist,
den ich suchte. Ich war größer in Körper und Geist.
Stets präsentierten sie mir ein ganzes Repertoire
an Gesten sozialer Untergebenheit.
Ihre Gedanken waren simple Verknüpfungen,
durch äußere Begebenheiten in Gang gesetzt.
Ich ließ sie mein Fell lecken und reinigen.
Ich spürte die Einfachheit ihrer Gedanken und
ihren Drang, einen Platz in der Hierarchie zu finden,
sich einzuordnen, gegebenenfalls sich unterzuordnen.
Einsam wirst du sein in der Nacht! (In der Nacht!)
Denn wie ein Gott wirst du leiden in der Nacht! Ja!
Treibholz im Meer ihrer Triebe!
Denn so erfreut sich das primitive Gemüt,
wenn es seine Sozialordnung findet,
wenn es dem Übergeordneten dienen
und den Niederen missachten kann!
Doch wenn wir über die Felder jagten,
wenn wir über die Bäche sprangen,
wenn wir nachts den Mond ansangen...
Dann waren wir eins! Ja!
Dann waren wir frei! Ja!
(In der Nacht!)
10-SUBLUNARIS
"Als gestern der Mond aufging, wähnte ich,
dass er eine Sonne gebären wollte,
so breit und trächtig lag er am Horizonte."
(Denn) Immer wenn der Nebel schwindet
und uns dein Licht freigibt,
sich durch unsere Kehlen windet -
dieses ur-uralte Lied.
Und im Mondlicht,
unsere Schatten sich bewegen.
Und im Mondlicht,
unsere Seelen erbeben.
Wie aus fremden Kehlen,
Schreie sich entfesseln.
(Dem Mond entgegen)
Und sollte es nie wieder Morgen werden
und diese Welt aufhören sich zu drehen,
und sollte so das Tageslicht sterben,
wirst erhaben du am Himmel stehen.
Und sollten sich die Götter schlafen legen
und all unsere Träume mit sich nehmen,
und sollte sich kein Leben mehr auf Erden regen,
wirst erhaben du am Himmel stehen.
11-TELLEREISEN
(Sie kommen dich ich an sie zu binden!)
Ich blute, aber es hindert mich nicht daran,
meinen Körper mit kräftigen Stößen
weiter durch das Geäst zu treiben.
Ihre Stimmen scheinen langsam
im Dunkel zurückzufallen...
(Er entkommt!)
Bin ich auch außer Atem, so scheine
ich jetzt mein Tempo gefunden zu haben.
Weiter! Immer weiter!
Doch mein Raumsinn warnt mich...
Etwas stimmt nicht!
(Nicht den Weg!)
Ah! Ein heftiger Schmerz schießt
in meinen linken Vorderlauf. Ich stürze.
Der Schmerz führt meine Sinne zu den scharfen Kanten
der gesplitterten Knochen in meinem Bein.
Ich hänge zwischen zwei mächtigen Metallkrallen,
die mein Bein unnachgiebig umschließen, fest!
Panik! Wie von Sinnen versuche ich mich durch
hastiges Zerren aus der Falle zu befreien
- vergebens. Vergebens!
Ich bin hilflos. Hilflos wie einst,
in den ersten Stunden meines Erwachens
aus einem traumlosen Schlaf...
Aber ich war nicht allein.
(Treib hinfort... !)
Ich erinnere mich...
12-SPOTTGESANG EINER ELFE
"Kleine lästige Biester", dachte ich.
Umschwirrten mich, um ihre eitrigen Stacheln
in meinem Fleisch zu versenken und einen Teil
meiner Lebenskraft zu der ihren zu machen.
Blut, Fleisch - war ich Fleisch und Blut?
Etwas schoss mir durch den Kopf:
Als meine Augen einmal grell geblendet wurden,
war es wirklich ein Blitz?
Und war das Grollen in meinen Ohren
wirklich der dem Blitz folgende Donner?
Oder war ich nur meine eigene Einbildung,
erschaffen durch mein eigenes Bedürfnis -
oder gar durch das eines anderen?
Was war ich? Und was war zuerst?
Der Gedanke an mich oder mein Selbst?
Und wenn nicht mein Selbst, wer hatte
dann jenen Gedanken wie ein Feuer entfacht?
Ich denke, also bin ich... vielleicht nur erdacht?
Ich konnte es dennoch genießen,
dem Donner zu lauschen und den Regen
auf meinem Fell zu spüren.
Ich konnte das immer genießen.
Doch es waren keine Mücken an jenem Tag.
Nie werde ich diese feinen,
zerbrechlichen Gestalten vergessen,
die mich neugierig anstarrten,
dabei miteinander tuschelten.
(Kann er uns sehen?
Er hat das Auge dafür.
Aber er hat nie geträumt!
Er muss schlafen. Er muss träumen.
Schlafe! Träume!
Erkenne, was uns bindet, in deinen Träumen!
Oder glaubst du etwa, dass dies schon alles war?)
13-WO DIE WIRKLICHKEIT SCHWEIGT...
Wozu brauche ich Ohren,
kann ich doch ohne sie eure Stimmen hören.
Wozu brauche ich einen Mund,
kann ich doch ohne ihn zu euch sprechen.
Wozu brauche ich Augen,
kann ich doch ohne sie in die euren sehen.
Wozu brauche ich Hände,
kann ich doch ohne sie die euren nehmen.
Wo die Wirklichkeit schweigt...
Wozu brauchen wir Ohren,
kannst du doch ohne sie uns zu dir rufen.
Wozu brauchen wir Stimmen,
kannst du doch ohne sie unsere Worte hören.
Wozu brauchen wir Lippen,
kannst Du doch ohne sie unsere Küsse spüren.
Wozu brauchen wir Hände,
können wir ohne sie dich aus der Welt entführen.
An einem Ort, wo die Wirklichkeit schweigt
und wie ein Eindringling wirkt,
kannst du uns sehen, kannst du uns hören,
kannst zu uns sprechen, kannst du uns spüren.
Komm zu diesem Ort und
wir nehmen dich mit uns fort.
Denn wir lieben dich! Denn wir brauchen dich!
Wo die Wirklichkeit schweigt...
14-FÜR DIE EWIGKEIT EINES LIDSCHLAGS
(Doch du bist nicht wie sie!)
Der Schmerz lässt jetzt etwas nach
und mein Bein wird langsam taub.
Etwas nähert sich mir. Schritte...
(Da drüben ist er! Ich hab ihn! -
Mein Gott, was bist du?)
So nah waren wir uns noch nie.
Das Gewehr im Anschlag, und deine Augen
spiegeln das blanke Entsetzen wieder, das
dir mein Anblick bereitet. Doch auch du bist
kein schöner Anblick für mich.
"Ich bin der Sturm in den Bäumen und
von den Feldern der Krähe ferner Schrei.
Doch dieser Sturm ist nichts im Vergleich
zu der Unruhe in deinem Geiste, Mensch."
Was sollte ich schon sein? Eine erdachte Kreatur,
der es anerdacht wurde, zu denken
und ein Bewusstsein zu entwickeln?
Schließlich das Bewusstsein zu entwickeln,
sich all dem nur bewusst zu sein,
weil es ihm derart anerdacht wurde?
Ein paradoxer Gedanke - erst recht in dieser Situation.
Doch was ist das... ? Ich blicke in deine Augen
und es sind die traurigsten, die ich je sah...
(Ihr habt euch erkannt! In diesem Moment.
Und für die Ewigkeit eines Lidschlags...)
Sie flüsterten mir einst zu, ich solle schlafen,
träumen, um in meinen Träumen etwas zu finden...
Bist du gekommen, um mich in den Schlaf zu schicken?
Und werde ich träumen?
Weitere Schritte nähern sich. Jetzt von allen Seiten.
Ein unbeschreibliches Gefühl überkommt mich.
Wie eine Müdigkeit, die mich in einen Abgrund
hinunterzureißen versucht... Oder in einen Traum.
(Treib zurück... !)
Ich fange an zu träumen!
Ich träume...
15-GALERIE DER TRÄUME
Es ist Tag. Nahezu lautlos streife ich
durch das Geäst und atme die Gerüche
all der anderen Waldgeschöpfe tief in mich ein.
Mein Blick versucht, irgendeinen Anhaltspunkt
von erkennbarer Struktur in den Lichtsäulen,
die durch das Laubdach des Waldes fallen, festzustellen.
Als wäre ich leicht...
Als wäre ich ein schwarzer Schmetterling,
dessen Flügel in der Hitze fremder Gedanken
zu verbrennen drohten.
Gedanken, die ebenso in mein Leben einfielen
wie die Lichtsäulen in diesen Wald...
Wie aus dem Nichts stehe ich plötzlich
direkt vor einem mir fremden und
dennoch sehr vertrauten Wesen,
das mir starr mitten in die Augen blickt!
Angst ergreift mich. Aus einem Reflex heraus
packe ich die Kreatur an der Kehle.
Trotzdem kann sie ein ungewohntes Geräusch
in die Umgebung abgeben.
Meine Zähne graben sich tiefer, treffen
knirschend auf splitternde Knochen,
während ich meine Krallen in das Bein
meines Opfers schlage um es still zu halten.
Die letzten Schreie sind ungewöhnlich schrill.
Die Ruhe kehrt zurück - und mit ihr plötzliche Dunkelheit.
Ich spüre, wie das warme Blut, das sich aus der Wunde ergießt,
mir die Kehle hinunterrinnt.
Der Körper liegt in unbestimmt zuckenden Bewegungen,
während weiteres Blut aus den Wunden tritt,
aufsteigt und sich in schlierigen Wolken
um uns herum verteilt.
Es vermischt sich mit meinen Gedanken...
(So entstehen Welten)
Die Schlieren fangen an, sich zu drehen -
immer schneller und schneller.
Sie verdichten sich zu einer Kugel,
die in einem explosionsartigen Licht
aufgehen und gleißend hell strahlen will.
Einige Tropfen lösen sich dabei aus dem Ball heraus
und umkreisen ihn nun wie eine Sonne!
Erst jetzt kann ich das Geschöpf unter mir erkennen:
Die Kreatur, die ich überwand, ist mein Abbild!
Alles verschwimmt. Eine Art Nebel zieht auf...
16-NEBELLAND
Nebelland, Nebelland
Täler und Flüsse im Totengewand.
Weiße Schleier reichen sich die Hand.
Ins Moor, gen Westen sie ziehen.
Du kannst mir vertrauen.
Komm, gib mir Deine Hand!
Ich werde dich führen im Nebelland.
Denn wie ein Regenbogen,
der sich über den Himmel spannt,
so taucht die Hoffnung auf im Nebelland.
Nebelland, Nebelland
Körper wie Steine im bleichen Sand.
Wellen wie Blut am Felsenstrand.
Ins Meer, gen Westen sie ziehen.
17-GELIEBT
(Noch bist du wie wir!)
Ein wuchtiger Schlag trifft mich.
Heiße Finger reißen mir den Leib auf
und zerschlagen mir mit einem Ruck
das Fleisch über meinen Rippen.
Etwas schlägt in meinen Kopf ein,
dringt durch den festen Knochen in mein Gehirn
und schraubt sich durch meine Gedanken...
Alles dreht sich und dreht sich.
Unterschiede wie links-rechts, oben-unten
vermag ich nicht mehr zu treffen.
Mein Kopf schlägt auf.
Ich spüre, wie mir das Leben wegschwimmt,
während mein Herz versucht, den Blutverlust
durch hektisches Schlagen auszugleichen.
Die einzelnen Schläge sind nicht mehr
voneinander zu trennen, alles in mir vibriert.
(Fühl, was euch verbindet!)
Du denkst an mich.
Ich kann deine Gedanken geradezu riechen.
Sie dringen in mich ein, ertasten jede
einzelne Faser meiner Existenz.
Ertasten jeden meiner Gedanken und
vermischen sich mit ihnen.
Meine Gedanken sind die deinen.
Deine Erinnerungen sind die meinen.
(Treib hinfort... !)
Ich erinnere mich...
18-ZWEITES ERWACHEN
Ich konnte deine Aufmerksamkeit mir gegenüber
immer spüren, wenn vielleicht auch nicht bewusst.
Ich war dein Plan, deine Nahrung, dein Zeitvertreib.
Du hattest mich nach einem Bild geschaffen,
das dem deinen in vielen Zügen ähnlich sein dürfte,
und du wolltest mir nur scheinbar eine gewisse Freiheit
zum Handeln und Denken überlassen.
Warum bin ich hier?
Ich habe nie darum gebeten! Schuldig!
Du hast mir mit meiner Erschaffung und
deinem Egoismus grausames Leid zugefügt.
Dies ist deine Grausamkeit.
Und diese Erkenntnis ist mein zweites Erwachen.
Warum bin ich hier?
Ich habe nie darum gebeten! Schuldig!
Ich spüre dich...
Doch wollte ich dich aus mir entfernen,
was würde zurückbleiben?
Was würde bleiben?
Ich bin nichts.
Wärst nicht du, so wäre auch nicht ich.
Und es scheint dir zu gefallen,
wie ich meine Umwelt - deine Welt -
ergründe und damit auch dich.
Doch wisse, ich bin nicht dein Sklave,
denn ich selbst lenke mein Geschick!
Eher sind wir und werden es immer sein:
Zwei in einem...
Zwei in einem - ja, das ist es! Unschuldig!
19-GOLEM
Was tun, brennt dir deine Haut?
Was tun, brennt dir deine Haut?
Was tun, wenn dir deine Haut brennt?
Reiß sie dir vom Leib!
Reiß sie dir vom Leib!
Faser um Faser!
Bevor sie dir die Seele nehmen.
Faser um Faser!
Faser um Faser...
Was tun, sind sie in dir drin?
Was tun, sind sie in dir drin?
Was tun, wenn sie in deinem Kopf sind?
Reiß sie dir aus dem Leib!
Reiß sie dir aus dem Leib!
20-ENTLEIBUNG
(Und dennoch hast du, was uns alle verbindet, in dir!)
Ich kann das verletzte Gewebe und die
blutig auseinander klaffenden Wunden
überall an meinem Körper nicht mehr spüren.
Etwas tropft aus meinem Mund - Speichel...
Nein, kein Speichel - es ist Blut.
Der Himmel verliert seine Farbe.
Auch die Bäume und das Blut auf dem Waldboden
neben mir scheinen langsam zu verblassen.
(Lass diese faulende Hülle zurück!
War sie nicht stets der Stein im Weg?)
Meine Augen verdunkeln sich.
In meinen Ohren ein ständiges
Dröhnen und Pumpen, mein Raumsinn - taub.
Ich bin machtlos, beobachte meine letzten Gedanken,
die wie Wasserspritzer auf einem heißen Stein
zischend verdampfen.
Das letzte Zischen wird verstummen -
kein Ringen um einen weiteren Gedanken.
Nur noch dieser:
(Treib hinfort... !)
Ich erinnere mich ...
21-AUFLÖSUNG UND ERLÖSUNG
Ich spürte nichts mehr. Mein Geist war frei.
Frei von seiner materiellen Last, von Zeit, Raum.
Ich glaube, dass sich meine Seele nicht lange
gewunden hatte, um jenen Körper zu verlassen.
Alles schien auseinander zu brechen, als lebte es
nur noch in den Gedanken eines schwindenden Geistes.
Vielleicht deines aus meiner Existenz
schwindenden Geistes. Es war wunderschön!
(Du stirbst) Ja.
(Es ist nicht das erste Mal)
(Doch du bist nicht allein. Wir sind bei dir)
Ich weiß. Ihr ward es von Anfang an.
(Seit dem ersten Moment deiner Existenz)
Ihr ward das Funkeln!
So viele Bilder zogen an mir vorüber.
Bilder, Erinnerungen, Gefühle. Es waren so viele Bilder.
Das allererste Bild? War ein blutverschmierter Körper,
den ich unter mir auf dem Waldboden liegen sehen konnte...
22-SOLAR PLEXUS
Wenn ich doch nur wüsste
(was ich nicht weiß),
warum ich hierher kam
(und wohin es mich treibt).
Vielleicht um zu schlafen
(tief und fest),
um für dich zu träumen
(wenn du mich lässt).
Inmitten all dieser Sonnen...
23-DER GEDANKE EINES ANDEREN
All unsere fiktiven Welten existieren wirklich
- irgendwann und irgendwo.
Sie leben auf, mit der Energie eines jeden Gedankens
an sie, und sie sterben, wenn wir sie vergessen.
Und sicherlich ist jeder Charakter,
der in diesen Welten zu existieren scheint,
ein kleiner Teil unseres Bewusstseins,
unter Schmerz abgespalten und
die brennende Sehnsucht in seiner Brust tragend,
zum Ganzen zurückfinden zu wollen.
Und manchmal glaubt er, sich in einem anderen
wieder zu erkennen. Doch ist dann nicht vielleicht
auch deine kleine Welt, die du in diesem Moment
so unendlich facettenreich zu erleben glaubst,
nur Teil eines Ganzen und vielleicht sogar
- der Gedanke eines anderen?
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